Abschaffung der Grundschulempfehlung Baden-Württemberg:

Ein Paukenschlag für Baden Württemberg war ganz sicher die Abschaffung der - verbindlichen - Grundschulempfehlung in Baden Württemberg.

Grundschulempfehlung Baden-Württemberg - frühere Situation:

Die Grundschulempfehlung Baden-Württemberg war vormals von einer Kombination erforderlicher Noten in den Fächern Deutsch und Mathematik sowie "weicher Kriterien" abhängig.

Für die Noten war ein Gesamtschnitt von 2,5 oder besser (für den Zugang zum Gymnasium) bzw. 3,0 oder besser (für den Zugang zur Realschule) in den Fächern Deutsch und Mathematik erforderlich. Die Noten wurden dabei auf die erste Dezimalstelle errechnet, so daß eine hohe Genauigkeit bei der rechnerischen Ermittlung bestand.

Darüber hinaus gab es weiche Kriterien: Das Lern- und Arbeitsverhalten, die schulische Entwicklung und die Noten der übrigen Fächer, die bei einer Gesamtabwägung Eingang fanden.

In der Praxis waren unterschiedliche Sichtweisen demnach auch zweigeteilt: Teils kam es zu unterschiedlichen Auffassungen die Notenbildung betreffend, teils auch die Einschätzung des Schülers betreffend.

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg hat auf Grundlage dieser Rechtslage für das Schuljahr 2010/2011 folgende Zahlen für den Übergang auf weiterführende Schulen veröffentlicht:

  • Haupt-/Werkrealschulen: 24,4%
  • Realschulen: 34,0%
  • Gymnasien: 40,8%

Obwohl im Bundesvergleich damit vergleichswweise viele Schüler auf Gymnasien und Realschulen wechselten und die Empfehlungsquoten sogar noch oberhalb der Übergangsquoten lagen (d.h. nicht jeder Schüler mit Gymnasialempfehlung und Realschulempfehlung machte von seinem diesbezüglichen Übertrittsrecht Gebrauch) war die Grundschulempfehlung immer wieder in der Kritik und es gab in keinem Bundesland auch nur annähernd so viele rechtliche Auseinandersetzungen wegen Grundschulempfehlungen wie in Baden-Württemberg.

Abschaffung der Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg:

Für die Abschaffung der Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg gab es aus den Erfahrungen anderer Bundesländer mehrere Möglichkeiten:

  • Die völlige Abschaffung der Grundschulempfehlung.
  • Die Abschaffung der Grundschulempfehlung für den Grundschulbereich, aber eine Art "nachgelagerte" Schulformempfehlung nach Klasse 6, wonach Schülerm die eine Nichtversetzung erhalten und bei denen die Schule eine negative Prognose ausspricht, auch gegen ihren Willen die Schule verlassen müssen (bspw. Erprobungsstufe NRW, Querversetzung Hessen,, Schulformwechsel Rheinland-Pfalz)

Baden-Württemberg hat die erste Variante gewählt, so daß Schüler nach der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Gesetzeslage nur im Falle wiederholter Nichtversetzung in einem Schuljahr bzw. hintereinander die Schulform verlassen müssen.

Abschaffung der Grundschulempfehlung - Folgen für die Schulwahl:

Die Auswirkungen der Abschaffung der Grundschulempfehlung wird man erst in einigen Jahren vollständig auswerten können:

  • Erwartungsgemäß sind die Zugangsquoten für Realschulen und Gymnasien nach Abschaffung der Grundschulempfehlung angestiegen - wobei zumindest die Gymnasien dies zunächst einigermaßen dadurch abfedern konnten, indem gerade der Doppeljahrgang G8/G9 entlassen wurde.
  • Für die Zukunft wird abzuwarten sein, ob durch die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen die Attraktivität früherer Hauptschulen/Werkrealschulen verbessert werden kann, so daß die Fokussierung auf Realschulen und Gymnasien künftig gestoppt wird. Ob dieses Ziel erreicht wird, bleibt abzuwarten. Da bisher fast ausschließlich frühere Hauptschulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt wurden und bereits die frühere Umetikettierung in Werkrealschulen niemand richtig begeistern konnte...
  • Andererseits gilt es für die Zukunft zu beachten, daß viele Familien bei der Schulwahl durch G8-Gymnasien abgeschreckt wurden. Durch die Wiederzulassung von G9-Zügen im Gymnasium wird sich demnach die Attraktivität für Gymnasien erhöhen, so daß möglicherweise künftig mehr Schüler auf Gymnasien wechseln werden.

Fakt ist, daß die bisher durch die verbindliche Grundschulempfehlung vorgenommene Lenkung der Schülerströme in Baden-Württemberg durch die freie Schulwahl anfälliger wird: In allen Ländern ohne verbindliche Grundschulempfehlung nach der Klassenstufe 4 gibt es Auswahlverfahren, teils entscheidet auch ganz lapidar das Los und erhebliche Schulwege für den Rest der Schullaufbahn sind leider keine Seltenheit, wenn die "Schule um die Ecke" voll ist.

Abschaffung der Grundschulempfehlung - Folgen innerhalb der weiterführenden Schulen:

Bereits nach bisheriger Rechtslage war es so, daß gerade die Realschulen eine "Sandwichfunktion" eingenommen hatten, indem die ohnehin bereits vollen Klassen in höheren Jahrgangsstufen zusätzlich Schüler aus dem Gymnasium aufnehmen mußten.

Auch hier wird man aber erst in einigen Jahren genau sagen können, wieviele Schüler, die in Klassenstufe 5 angefangen haben, auch tatsächlich den gewünschten Schulabschluß erreichen. Nachdem bereits im ersten Jahr der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung erhöhte Nichtversetzungsquoten zu verzeichnen waren, spricht einiges dafür, daß es zu erhöhten Abgängen kommen wird.